Hintergrund

Markant und selbstbewusst stehen sie da, prägen Stadtsilhouetten, bedeutende Plätze und bilden weithin sichtbare Orientierungspunkte. Wohl niemand möchte sich unsere Städte und Landschaften ohne Kirchen und deren Türme vorstellen, die schon von Weitem die Lage von Dörfern markieren. Für viele Menschen sind sie nicht nur wichtige ­Landmarken, sondern auch Orte, an denen sich – zumindest in christlich geprägten Regionen – wichtige Lebensstationen festmachen lassen. Hier wird getauft, konfirmiert, getraut und getrauert und das seit Jahrhunderten. Kirchengebäude haben damit einen enormen Symbolwert. Sie machen Geschichte und gelebten Glauben erfahrbar, sind Kulturorte und touristische Anziehungspunkte.

Kirchen bilden im städtebaulichen Gefüge eine feste Konstante. Wie auch immer unsere Orte sich gewandelt haben, die Kirchen stehen oft seit Jahrhunderten unverändert am gleichen Ort und dies meist mit der Bestimmung, für die sie errichtet wurden. Doch so konstant unsere Kirchengebäude bestehen, so rasant hat sich unser gesellschaftlicher Alltag verändert. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Kirchen in Deutschland einen deutlichen Mitgliederverlust zu verzeichnen. Seit einigen Jahrzehnten wandelt sich die Institution Kirche von einer Mehrheitskirche in eine Minderheits­kirche. Gehörten 1950 etwa 96 Prozent der Bevölkerung einer der beiden großen christlichen Kirchen an, so waren es 2015 bundesweit nur noch 56 Prozent; in den neuen Bundesländern noch deutlich weniger. Dieser Prozess schreitet schnell voran. Dabei spielt heute insbesondere die ­zunehmende Individualisierung eine große Rolle. Viele Menschen suchen zwar Spiritualität, ­machen diese aber nicht an den Kirchen fest.

Die Situation in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist dabei folgende: Sowohl flächenmäßig als auch von der Anzahl der Gebäude her ist die EKM eine der größten evangelischen Landeskirchen Deutschlands. Seit dem Zusammenschluss der ehemaligen Thüringischen Landeskirche und der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen verfügt die EKM mit ihren Kirchen und Pfarrhäusern in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg über einen enorm großen und wertvollen Gebäudebestand. Mit rund 4000 Kirchen kann man die EKM als „steinreich“ ­bezeichnen, aber mit ihren aktuell circa 750.000 Mitgliedern ist sie vergleichsweise klein. Weniger als vier Prozent der evangelischen Christen in Deutschland gehören zur EKM – aber 20 Prozent aller Kirchengebäude stehen hier in Mitteldeutschland. In Thüringen gehören etwa 2000 Kirchengebäude zur EKM. 99 Prozent davon stehen unter Denkmalschutz. Die Hälfte aller Kirchen hier ist älter als 500 Jahre, viele zeigen romanische Spuren.

Wie geht man mit diesem Erbe um? Welche Bedeutung haben die altehrwürdigen Bauten noch im Alltag, wenn durch den schnellen gesellschaftlichen Wandel zunehmend kein sichtbarer Bedarf mehr an Sakralräumen besteht? Sind unsere Kirchengebäude nun übrig oder überflüssig? In Deutschland ist man sich des kulturellen Werts seiner Denkmale und auch der Kirchen sehr wohl bewusst und versucht, diese zu erhalten und zu pflegen. Unschätzbar wertvoll ist das gemeinsame Wirken von Kirchengemeinden, Kommunen, Fördervereinen und Initiativen bei der Erhaltung und Sicherung der Kirchen.

Sehr viel schwieriger gestaltet sich die Situation allerdings, wenn es um Nutzungsperspektiven geht. Dabei ist das Thema der intensiveren Nutzung von Kirchen nicht neu. Seit mehreren Jahren füllt es die Fachliteratur und ist Inhalt zahlreicher Tagungen und Workshops, die eine „erweiterte Nutzung“ als (vermeintlich) neuen Weg aufzeigen. Wenn man die realisierten Beispiele analysiert, muss man sich allerdings eingestehen, dass der Anteil der Kirchen, die mit diesem Modell ­zukunftsfähige Lösungen gefunden haben, begrenzt ist. Man braucht in einer ländlichen Region einfach nicht noch eine dritte oder vierte Konzertkirche. Solche Bemühungen und Ideen sind ehrenwert, aber sie werden möglicherweise nicht ausreichen, um die beschriebenen Probleme ­
zu lösen.

Als die Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen im Sommer 2014 einen ersten Projektaufruf mit dem Thema „Zukunft StadtLand!“ startete, war unter den 248 eingereichten Anträgen auch das Vorhaben der EKM „Perspektiven für kirchliche Gebäude in Thüringen – Aufgabe, Abgabe, ­Wandel?“. Es wurde als einer von 16 IBA-Kandidaten nominiert. Bei einem ersten Expertenworkshop im März 2015 wurde deutlich: Ein Perspektivwechsel ist notwendig. Es muss in Zukunft in den einzelnen Regionen deutlich mehr um gemeinsame Konzepte von lokalen Akteuren gehen, die zum Leben vor Ort passen, von den Leuten getragen und gelebt werden. Ziel ist, dass sowohl in ländlichen Regionen als auch in den Städten die Kirchen als wertvolle Zeugnisse von Kultur und Glauben erhalten bleiben und mit Nutzungen gefüllt werden, die dies ermöglichen. Dabei lautet das Credo: Religion soll weiter eine wichtige Rolle spielen, aber eben nicht die einzige. Kirchenräume sind „besondere Orte“ und sollen es auch bleiben. Rein konservatorische Prämissen fördern bestimmungsgemäß das Bewahren und weniger die Veränderung. Genau diese aber ist notwendig.


Projektverlauf


RECHERCHEPHASE // Februar-März 2016

Interviews und Faktensammlung

Erste Bereisung ausgewählter Thüringer Kirchen


VORBEREITUNGSPHASE // Februar-März 2016

Vorbereitung Ideenaufruf; Erstellen der Internetseite


IDEENFINDUNGSPHASE // März-September 2016

Internationaler Ideenaufruf; Unterstützt durch Workshops vor Ort

Architektenworkshops

Fertige Idee – Erstellen eines zweiminütigen Videos


AUFTAKT // 19.März 2016

Auftaktveranstaltung in der Erfurter Kaufmannskirche


ENDE IDEENAUFRUF // am 31.August 2016


KURATORIUMSSITZNUNG // 31. Oktober 2016 bis 01.November 2016

Workshop Kloster Volkenroda – Sichtung und Auswertung der Ideen


UMSETZUNGSPHASE // ab November 2016

Begleitung der Modellprojekte durch das Kuratorium

Workshops mit Ideengebern und dem Kuratorium


AUSSTELLUNGSVORBEREITUNG // ab August 2016

Vorbereitung der Ausstellung in der Kaufmannskirche Erfurt


WORKSHOP WEIMAR // 05.Januar 2017

Bauhausstudenten präsentieren ihre Ideen


VERNISSAGE // 13.Mai 2017

Feierliche Eröffnung der Ausstellung und des Ideengenerators


AUSSTELLUNGSSATELLIT UND IBA-SALONS // ab Mai 2017

13. Juni 2017 // 1. Salon: Orte schaffen. Soziale und kulturelle Öffnung von Kirchen

29. August 2017 // 2. Salon: Zeichen setzen. Kirchen in der Kulturlandschaft

19. September 2017  // 3. Salon: Nutzungsanpassung von Kirchengebäude


REALISIERUNGSPHASE // ab 24.Juni 2017

Eröffnung ‚organ’ von Carsten Nicolai in der St.Anna-Kapelle in Krobitz

Weitere Projekte: Gesundheitskirche Vivendium inkl. Tageslichtkirche in Blankenhain, ‚Das lange Jetzt’ in Obergrunstedt und Her(r)bergskirchen im Thüringer Wald, Sozialkaufhauskirche in Apolda, Netzwerkirche in Ellrich, Bienenkirche in Roldisleben


FINISSAGE UND VERÖFFENTLICHUNG DER PUBLIKATION // 19.November 2017


UMSETZUNG DER MODELLPROJEKTE IM RAHMEN DER IBA THÜRINGEN // BIS 2023


Programm Veranstaltungen

13. Mai - 19. November 2017
Ausstellung
500 Kirchen 500 Ideen
Eröffnung Samstag, 13. Mai 2017
15-16:30 Uhr
Ort: Kaufmannskirche Erfurt
Täglich geöffnet von 11-18 Uhr
(Kurzfristig geänderte Öffnungszeiten möglich)

13. Juni 2017
Salon 'Orte schaffen.
Soziale und kulturelle Öffnung von Kirchen'
19-21 Uhr
Ort: Kaufmannskirche Erfurt

24. Juni 2017
Eröffnung 17-20 Uhr
Kunstprojekt ‚organ’ von Carsten Nicolai
Geöffnet an allen Wochenenden vom
24.06. - 10.09.2017
Öffnungszeiten: 14-20 Uhr
Ort: St.-Anna-Kapelle in Krobitz

7/8. Juli 2017
Kolloquium Reformation|en.
Kirchen weiter bauen'
12-20 Uhr und 9-16Uhr
Ort: Kloster Volkenroda

29. August 2017
Salon 'Zeichen setzen.
Kirchen in der Kulturlandschaft'
19-21 Uhr
Ort: Kaufmannskirche Erfurt

19. September 2017
Salon 'Räume gestalten.
Nutzungsanpassung von Kirchengebäuden'
19-21 Uhr
Ort: Kaufmannskirche Erfurt

19. November 2017
Ausstellung Finissage
500 Kirchen 500 Ideen
13-14 Uhr
Ort: Kaufmannskirche Erfurt

Aufgabenstellung

Unser Ideenaufruf ist abgeschlossen! Aber natürlich können Sie sich weiterhin beteiligen.
Sie haben eine Idee zur Umnutzung eines Thüringer Kirchengebäudes? Dann senden Sie uns Ihre Idee in Form eines max. zweiminütigen Videos zu.
Innerhalb des Videos können Sie mit allem arbeiten, was der Beschreibung Ihrer Idee dient: kleine Modelle, Skizzen, Zeichnungen, Fotos oder einfach das gesprochene Wort.

via Mail an kontakt@querdenker2017.de

Beteiligung

Es gibt zahlreiche Gründe und Wege, sich zu beteiligen.
Schicken Sie uns Ihre Ideenvideos, folgen Sie uns bei Facebook und/oder kommentieren und bewerten Sie die abgegebenen Ideen.
Sie wissen von einer Kirche, die eine Umnutzung dringend nötig hat?
Sie sind Gemeindemitglied und Ihre Kirche braucht dringend eine interessante Idee?
Sie haben eine tolle Idee, aber keinen Kontakt zu einer interessierten Kirchengemeinde?

Melden Sie sich bei uns, wir bringen Kirche und Idee zusammen!
kontakt@querdenker2017.de